Knize

Vom Praktikant

zum Schneider der Königshäuser

Rudolf Niedersüß ist wie jeden Tag der erste im Geschäft und öffnet uns persönlich die noch versperrte Türe am Graben 13. Der Inhaber und Geschäftsführer des Hauses begrüßt uns herzlich, fängt sofort an zu erzählen und begleitet uns derweilen in den ersten Stock des von Adolf Loos in den Jahren 1910–1913 gestalteten Geschäftslokals (ja, er hat nicht nur Bars entworfen). Mit jedem Schritt taucht man mehr ein in eine ganz besondere Welt. Dicke Teppiche, dunkles Holz, Ledersofas – ein Raum reiht sich an den anderen. „Ich führe Sie zuerst einmal herum, dann setzen wir uns und unterhalten uns“, schlägt der Hausherr vor. Vorbei an Stoffbahnen und Hemden geht es durch mehrere Zimmer mit Anzügen, weiter zu Schuhen, Jacken und Mänteln, dann kommen Gürtel, Manschettenknöpfe, Einstecktücher und Krawatten bis zu Accessoires und Parfums.

 

Schließlich nehmen wir Platz in tiefen Fauteuils. „Heute gibt es nur mehr das Geschäft in Wien“, erzählt Herr Niedersüß. Zu den besten Zeiten von Knize hatte man Boutiquen in Karlsbad, Berlin, Paris, Prag und sogar in New York, wo man 1941 eröffnete und damit zum Stammgeschäft der emigrierten Österreicher wurde. „Ich selbst kam in den 1950er-Jahren als Praktikant zu Knize und machte hier 1957 meine Meisterprüfung“, erzählt er. 1963 kaufte er das Geschäft von C.M. Frank rechts des Hotel Imperial, ebenfalls ein sehr traditionsreicher Herrenschneider zu dieser Zeit. Von dort brachte er unter anderem die Hofschneiderdekrete fürs englische Königshaus mit, als er schließlich 1976 von Peter Knize das Unternehmen erwarb. „Noch heute sind viele internationale Königs- und Fürstenhäuser unsere Kunden“, erzählt Herr Niedersüß. „Aber das behandeln wir natürlich sehr diskret.“ Wir auch, obwohl wir ein paar Namen aufgeschnappt haben.

 

Seit fünf Jahren werden keine neuen Kunden für Maßanzüge mehr aufgenommen. „Wir schaffen das nicht mehr. Es ist sehr schwer, gute Schneider zu bekommen und ich selbst muss leider etwas kürzer treten“, berichtet er von einer der Veränderungen. „Die Bügeleisen von früher, die rund 6 Kilogramm wogen, haben meinen Bandscheiben ziemlich zugesetzt“, erklärt Rudolf Niedersüß mit etwas Wehmut. Wenn es besonders heikel ist, legt er dennoch manchmal Hand an. Aufgrund eines früheren Krebsleidens verbindet ihn eine ganz besondere Beziehung mit José Carreras. „Ich hab aber auch kürzlich ein neues Knie bekommen und Corona hab ich auch schon hinter mir“, verblüfft er uns mit seiner Geschichte. Irgendwie kommen wir uns mit unseren gut 50 Jahren grad ziemlich alt vor, verglichen mit dem agilen, extrem wachen und eloquenten Rudolf Niedersüß. „Ich bin 86“, verrät er ohne jegliche Koketterie. „Aber dank meiner um einiges jüngeren Frau und unserer beiden Mädchen, sie sind 10 und 13, bleibe ich jung“, sagt er und lächelt verschmitzt. Sein Sohn aus erster Ehe war mit ihm 14 Jahre lang gemeinsam im Unternehmen. „Wir haben aber festgestellt, dass er zuerst noch eigene Wege gehen muss. Aber nun wird es schon langsam Zeit, dass er übernimmt.“

 

Natürlich wollen wir auch die Werkstatt sehen. Die ist nur schüchtern besetzt, weil sich ein Teil der Mitarbeiter in Kurzarbeit befinden. „Hier ist auch mein Zuschnitt- und Arbeitstisch“, zeigt uns der Gastgeber. Auf den anderen liegen Maßzettel, zugeschnittene Teile, Knöpfe und allerlei Werkzeuge. Extrem verwinkelt ist das ganze Gebäude, weil es nach und nach gewachsen ist. „Wir sagen den Neuen immer, sie sollen ein Telefon mitnehmen, falls sie verlorengehen“, schmunzelt Herr Niedersüß, während er uns durch eine kleine Tür wieder in den Verkaufsraum führt. Sehenswert ist auch sein persönliches Büro, das durch eine Tapetentür verborgen ist. Ein kleiner getäfelter Raum mit Blick auf den Graben. Hier gewährt er uns einen Blick in die alten Maßbücher. „In dem sind noch die Daten von König Edward“, zeigt er uns. Ab 7.000 Euro kostet ein Maßanzug von Knize. Drei davon sollte man zu Beginn haben. Und dann natürlich jedes Jahr einen dazukaufen, so dass man idealerweise 30 Stück im Schrank hat. Wir rechnen kurz nach …. „Für einen Zweiteiler brauchen wir 70 Stunden, mit Weste circa 85 Stunden“, unterbricht Herr Niedersüß unsere Rechenübung. „Früher haben wir auch an Wochenenden gearbeitet. Heute bin ich lieber in Niederösterreich im Wochenendhaus und fahre mit dem Traktor herum“, sagt er.

 

Ein Projekt hat er dennoch: Er arbeitet gemeinsam mit der Hochschule für angewandte Kunst an einer „Knize-Akademie“, einer Ausbildungsstätte, an der das Schneiderhandwerk vermittelt werden soll. „Sonst stirbt der Beruf irgendwann aus“, erklärt er seine Motivation. „Die Chancen stehen gut, dass es klappt“, meint er zuversichtlich. Wir wünschen es ihm und dem Beruf des Herrenschneiders sehr. Nach zwei Stunden Zeitreise in diese besondere Welt verabschieden wir uns von Rudolf Niedersüß – einem beeindruckenden Mann, der eine Epoche mitgeprägt und das modische Erscheinungsbild von Generationen verbessert hat. Danke und alles Gute für die Akademie.

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