Dietrich Untertrifaller Architekten

Dietrich Untertrifaller Architekten

In der Ruhe liegt die Kraft. Und in der Klarheit

 

Man könnte mit Helmut Dietrich und Much Untertrifaller tage-, wenn nicht wochenlang über ihre Projekte sprechen. Wenn es nicht so viele andere spannende Themen gäbe. Seit rund 30 Jahren verfolgen die beiden gemeinsam einen Weg, der sie zu einem der renommiertesten Architekturbüros in Europa gemacht hat. „Begonnen hat eigentlich alles mit dem Wettbewerb für das Festspiel- und Kongresshaus in Bregenz“, erzählen sie von ihren Anfängen. „Wir haben gewonnen und daraufhin unser Büro gegründet.“ Interessanterweise hatten sie während der Studienzeit in Wien – beide waren an der Technik bei Ernst Hiesmayr – keinerlei Berührungspunkte. Erst als Helmut von seiner Zeit bei Paolo Piva in Venedig zurück nach Vorarlberg gekehrt war, begannen sie gemeinsam an Wettbewerben teilzunehmen und erste Projekte zu machen. „Das Festspielhaus ist uns aus dieser Zeit geblieben“, erzählt Helmut. Seither gibt es immer wieder Teilbereiche, die erweitert, saniert oder umgebaut werden müssen. „Es ist schon prima, wenn man so viele Jahre ein Projekt immer wieder weiterentwickeln darf“, freuen sich die beiden.

 

Gerade bei den Themen Werthaltigkeit und Ressourcenschonung hat das Büro Dietrich Untertrifaller eine sehr klare Haltung. Sie zählen nicht nur zu den Pionieren im Holzbau, sie setzen sich auch sehr engagiert dafür ein, nicht immer nur in der Kategorie „Neubau“ zu denken. „Es ist doch mindestens gleich reizvoll und auch fordernd, darüber nachzudenken, wie ich einem bestehenden Gebäude eine neue Funktion geben kann“, erklärt Helmut Dietrich. Dabei sei es zunächst unerheblich, ob die Hülle auf den ersten Blick als architektonisch erhaltenswert scheint. Vielmehr geht es darum, bestehende Bausubstanz zu verbessern, umzuwidmen, für neue Bedürfnisse anzupassen und damit idealerweise auch architektonische Akzente zu setzen. „Das Alte hat oft mehr Qualität als das neu Gebaute. Man muss es nur herausarbeiten“, ist Helmut überzeugt. „Aber da wird oft zu kleinkariert gedacht. Auch was den Raum außerhalb von Gebäuden betrifft“, ergänzt er sein Plädoyer für eine ganzheitliche Betrachtung.

 

Dietrich Untertrifaller steht für klare Überzeugungen und Grundsätze. Hat eine Handschrift. In eine Schublade einordnen lassen sie sich aber in keinster Weise. „Wir waren immer breit aufgestellt und haben in der Vielfältigkeit unserer Projekte immer eine tolle Chance gesehen, uns mit unterschiedlichsten Themen zu beschäftigen“, erklärt Much die Offenheit des Büros. „Wenn wir ein Lieblingsthema nennen müssten, dann wären es wohl Bildungsbauten“, ergänzt Helmut. Warum das so ist? „Weil ganz oft überraschende Projekte entstehen, weil die Vorgaben vielfach sehr offen sind“, sagen sie. Und weil sich im pädagogischen Bereich so viel getan hat, so viele neue Anforderungen, Konzepte und Ideen entstanden sind, dass die Räume dafür ständig entwickelt werden müssen. Dass sie für ihre Architektur in diesem Segment international geschätzt werden, beweisen die jüngsten Projekte in Frankreich.

 

Bei allem, was die beiden erzählen, hat man nie den Eindruck, dass sie besserwisserisch oder gar selbstverliebt über andere Büros und deren Arbeit oder über Auftraggeber urteilen. Vielmehr beeindrucken Helmut und Much durch ihre ruhige, besonnene und kluge Sichtweise auf die Dinge. Selbst wenn sie konstatieren, dass Vorarlberg als Architekturland in Bezug auf den Wohnbau derzeit massiv an Boden verliert, so hat das Hand und Fuß. „Es wird zu stereotyp gebaut, obwohl das Baurecht durchaus mehr zulassen würde“, erklären sie ihre Wahrnehmung. Einerseits müsste die Politik viel mehr vorgeben, andererseits braucht es mehr Qualitätsbewusstsein bei den Bauherren, sind sie überzeugt. Und Much ergänzt: „In Wien wird viel mehr kuratiert, betreut und organisiert. Deshalb entstehen dort vielfältigere Projekte, die auch unterschiedliche Wohn- und Lebensformen berücksichtigen.“ Aber nicht nur in der Bundeshauptstadt ist man auf der Überholspur. „Wir merken auch bei unseren Aufträgen für Quartiersentwicklungen in Deutschland, dass hier mehr Wert auf hohe Qualität und Werthaltigkeit gelegt wird“, so Helmut weiter. „Qualität braucht auch Mut zum Risiko“, so ihr Plädoyer.

 

Bei aller Einigkeit, wenn es um Projekte und Haltungen geht – „Wir streiten eigentlich nie, wenn es um unsere Konzepte geht“, sagen sie unisono – sind die beiden doch auch sehr verschieden. Während Helmut ein Faible für die kleinen Details hat, liebt Much das ganz große Gewerk. „Ich entwerfe noch immer gerne Einfamilienhäuser – am liebsten dann, wenn ich dabei knifflige konstruktive Situationen lösen kann“, sagt Helmut. Und wenn Much sich was wünschen dürfte, dann wäre es „ein richtig, richtig großes Projekt“. „Ein Schiff, samt Interieur, das würde mich auch reizen“, ergänzt er noch. „Da mach ich lieber meinen Würstelstand“, schmunzelt Helmut und erzählt von einem seiner aktuellen Projekte, das er als fertiges, transportables Modul für einen Gastronomen umsetzt.

 

Groß gedacht haben sie beide, als sie vor 27 Jahren das Büro in der Bregenzer Arlbergstraße mieteten, in dem sie noch heute sind. „Damals waren wir 7 und haben 600 qm gemietet“, erzählt Helmut. „Alle dachten, wir hätten einen Vollknall.“ Heute sind sie an 5 Standorten in Bregenz, St. Gallen, München, Wien und Paris 120 Köpfe. Sowohl Helmut wie auch Much zeichnen ihre Entwürfe noch immer von Hand. „Renderings geben so eine Scheingewissheit, erzeugen Bilder im Kopf, die dann in der Umsetzung kaum mehr veränderbar sind“, erklärt Helmut, schmunzelt und erzählt: „Damals in Venedig bei Paolo Piva haben wir nach jedem Mittagessen die Papiertischdecke mitgenommen, weil wir die ganze Zeit darauf gezeichnet haben. Das ist mir irgendwie geblieben.“

 

Die Lust am Entwerfen im besten Sinne, am Schaffen von Räumen, am Entwickeln von Konzepten, ist den beiden nach wir vor nicht abhanden gekommen. „Es hat sich bestimmt Manches verändert. Mit der Erfahrung wird man ruhiger, wo sich der Konflikt nicht rentiert, und bleibt hartnäckiger, wenn es für das Ergebnis sinnvoll ist“, so eine Erkenntnis nach drei Jahrzehnten. Selbst der aktuellen Situation können sie was Positives abgewinnen. „Wir sind mehr im Büro und weniger unterwegs. Es ist wieder mehr Zeit fürs Entwerfen, fast wie früher“, schmunzelt Much, bevor er sich für eine Videokonferenz verabschiedet. „Die haben zwar massiv zugenommen, aber die Entscheidungen fallen dafür schneller“, sagt er im Hinausgehen. Auch für uns wird es Zeit aufzubrechen. „Von mir aus müsst ihr nicht hudeln“, meint Helmut, „bei mir wurde heute Morgen eine Jurysitzung in Kärnten abgesagt, somit habe ich plötzlich viel Zeit diese Woche.“ Wir sind uns aber ziemlich sicher, dass ihm schon irgendwas einfallen wird, wie er diesen unerwarteten Freiraum nützen wird, um die Welt wieder ein klein wenig schöner und lebenswerter zu machen.

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