Zu Besuch bei Wittmann

3 Musketiere 

und das Kamptal

Dass die Wittmann Möbelwerkstätten nunmehr bereits in der vierten Generation hier im Ort sind, sagt viel aus über dieses Unternehmen, seine Verbundenheit zur Region, die Wertschätzung für die Menschen und die tiefe Verbundenheit mit jenem Standort, an dem 1896 eine Sattlerei gegründet und damit der Grundstein für eine weltweite Erfolgsgeschichte gelegt wurde. 1960 war es dann der Vater der heutigen Eigentümerin, Ulrike Wittmann, der den Schritt von der Sattlerei zur Polsterei vollzog und damit die künftige Richtung vorgab.

Am Empfang werden wir von Bernhard Endl, dem Vertriebsleiter von Wittmann und von Dolores Wally, der Marketing- und PR-Managerin empfangen. Und sofort spürt man das, was vermutlich den Kern dieses Unternehmen ausmacht: eine familiäre Herzlichkeit, Unkompliziertheit und Offenheit. Nach einem schnellen Espresso geht’s mit René Hentschke, dem Betriebsleiter, auf den Rundgang durch den Betrieb. Auf einem Luftbild an der Wand vor der ersten Halle sieht man die besondere Lage des Betriebsgeländes hier mitten im Ort. „Das geht nur, weil wir keine lärmintensiven Arbeitsvorgänge haben“, erklärt uns René. Und wahrscheinlich auch, weil Wittmann für Etsdorf wohl der wichtigste Arbeitgeber ist. „Früher haben wir auch mit Handwerkern im Ort zusammengearbeitet, haben Holz hier direkt im Ort beim Tischler zu Vorstücken verarbeiten lassen. Aber jetzt sind alle weggezogen oder haben aufgehört“, erzählt er fast ein wenig wehmütig.

 

Auf geht’s in die Metallfertigung. Hier werden die Rahmen für rund 70% der Möbel gefertigt. Gebogen, geschweißt und mit Hilfe von Schablonen zu Gestellen zusammengebaut, kommen diese dann eine Halle weiter. „Bei uns wird jedes Teil in jedem Arbeitsschritt von demjenigen, der es bearbeitet hat, unterschrieben“, erklärt uns René Hentschke und deutet dabei auf einen orangen Fleck. So kann immer zurückverfolgt werden, wer was gemacht hat, und im Falle eines Mangels an der entsprechenden Stelle nachgearbeitet werden. „Kommt aber selten vor“, schmunzelt René. Schließlich arbeiten bei Wittmann ausschließlich hochqualifizierte Fachkräfte. Viele haben zuvor etwas anderes gemacht und sich dann für einen Beruf hier im Unternehmen entschieden. Und nicht wenige sind bereits in der zweiten oder gar dritten Generation im Betrieb.

 

Wittmann fertigt nur auf Bestellung und daher oft in Klein- und Kleinstserien. Das erfordert viel Flexibilität und das schnelle Umstellen von einem Produkt auf ein anderes. Wie viel Handarbeit in jedem Möbel steckt, sieht man auch in der nächsten Abteilung, der Polsterei. Erste Station ist hier die Begurtung. Circa 20 Kilo hält jeder Gurt und die Art des Möbels bestimmt, wie viele davon verarbeitet werden. Die Polsterer verarbeiten rund 40 verschiedene Schaumstoffe – je nach gewünschtem Härtegrad, ob es um Lehnen oder Sitzflächenränder geht oder wie hoch der Aufbau sein muss. Im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern verwendet Wittmann für die Sitzflächen selbst keinen Schaumstoff, sondern Federkerne. „Die sind einfach nicht kaputt zu kriegen. Bei Schaumstoff gibt es irgendwann nach und der Sitzkomfort nimmt ab, nicht so bei Federkernen“, erklärt uns der Betriebsleiter.

 

In der Näherei werden sowohl feinste Leder, die aus Österreich, Deutschland oder Skandinavien kommen, verarbeitet, wie auch hochwertige Stoffe. Der Zuschnitt wird teils manuell, teils mit Lasercuttern gemacht. „Unsere Näherinnen machen alle Bezüge, nicht nur immer denselben. Deshalb dauert es auch rund zwei Jahre, bis eine neue Mitarbeiterin voll einsatzfähig ist“, erklärt René. Manchmal werden auch Kundenstoffe verarbeitet, aber nur in Ausnahmefällen. Zu komplex ist die richtige Musteranordnung, der Sitz des Bezuges und die Qualitätsansprüche von Wittmann. Das sieht man vor allem bei den Lederobjekten.

 

Wir schauen Herrn Gruber über die Schulter, der jetzt seit 42 Jahren im Unternehmen ist. Er betreut nicht nur die fünf Lehrlinge, sondern legt gerade selbst Hand an Palais Stoclet Fauteuils. Rund sechs Stunden braucht er für diesen Stuhl und verarbeitet dabei nur für die Zierleiste 350 Nägel. Am Ende kommt die goldene Plakette mit seiner Unterschrift auf die Rückseite, während er stolz das fertige Möbel begutachtet – zu Recht, wie wir finden.

 

Wittmann ist auch für seine hochqualitativen Matratzen bekannt. 1.200 Stück werden jedes Jahr gefertigt. Jede einzelne besteht aus drei Zonen, einer mittleren, etwas festeren und einer flexibleren oberen und unteren. Der Taschenfederkern ist mit verschiedenen Schaumstoffen, Latex und Baumwollschichten ummantelt. Die vielen Schichten, die hochwertigen Materialien und die perfekte Verarbeitung verleihen den Matratzen 10 bis 12 Jahre Lebensdauer und einen unbeschreiblichen Liegekomfort. Am Ende unseres Rundgangs erzählt uns René Hentschke noch, was ihn so an Wittmann fasziniert: „Hier trifft höchste Handwerkskunst auf ein Gemeinschaftsgefühl. Jeder macht seine Arbeit so perfekt wie möglich, um dem nächsten in der Kette die besten Voraussetzungen fürs Weiterverarbeiten zu übergeben. Wir ziehen alle an einem Strang und das macht richtig Spaß.“ Das spürt und sieht man. Triathlet René läuft sodann gleich zum nächsten Meeting und wir nehmen wieder im Besprechungsraum Platz.

 

Beim Mittagsimbiss stößt Alexander Sova zu uns. Er ist seit September letzten Jahres der neue Geschäftsführer von Wittmann. „Ich war zuerst auf Wunsch von Frau Wittmann im Beirat. Dann hat sie mich gefragt, ob ich nicht ins operative Geschäft einsteigen möchte“, erzählt er uns. „Und da man ein solches Angebot nicht ausschlagen kann, habe ich sofort zugesagt.“ Dass Alexander Sova davor bei Microsoft war und dort große Unternehmen in Digitalthemen begleitet hat, kommt ihm und dem Unternehmen in der momentanen Phase sehr zugute. „Wir arbeiten gerade an einer Plattform, mit der wir unsere gesamte Kollektion virtualisieren und sie damit einfach auf Knopfdruck individuell bestückbar machen – so wie ein Autokonfigurator“, erklärt er. Damit wird nicht nur ein toller neuer Kundenservice geboten, sondern Wittmann will dieses Tool sogar der gesamten Branche zur Verfügung stellen.

 

Modernisierung hat Wittmann in den letzten Jahren insgesamt sehr gutgetan. Mit den Entwürfen von Paolo Piva und der Hoffmann-Kollektion kann man zwar noch immer auf international erfolgreiche Kollektionen zurückgreifen. Aber es war dringend nötig, auch in die Zukunft zu denken. Und da gelang Wittmann durch die Zusammenarbeit mit drei Designgrößen ein genialer Coup. „Ich nenne sie unsere drei Musketiere: Herkner, Hayon und Nichetto. Mit ihnen haben rundere Formen, organische Designs und Modulkonzepte Einzug bei Wittmann gehalten. Das hat uns einen richtigen Schub verpasst“, schwärmt Alexander Sova. Und er hat noch mehr vor. Aber alles mit Bedacht. „Man kann in einem Unternehmen wie Wittmann nur etwas verändern, wenn man wertschätzt, was ist, und die Mitarbeitenden auf die Reise mitnimmt“, beschreibt er seinen Ansatz.

 

Womit sich für uns der Kreis schließt:
Wittmann ist ein besonderes Unternehmen an einem speziellen Platz mit einer einzigartigen Mischung aus ländlicher Vertrautheit und weltoffener Grundhaltung. Und es sind weit mehr Gründe als der aus dem eigenen Weinberg stammende Veltliner, die den Aufenthalt hier in Etsdorf am Kamp so wohlig machen. Genauso wohlig, wie die unvergleichlichen Polstermöbel des Hauses. Schön, dass wir hier sein durften.

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